PIERRE ROTH – SYSTEMISCHE THERAPIE

Textsammlung

 

NÄHE UND DISTANZ

 

Was ist Nähe?

Nähe ist, wenn ich das Gefühl habe, von meinem Partner als gut, wohltuend und begehrenswert aufgenommen zu sein.

Nähe ist, wenn ich im Zusammensein mit meinem Partner meine Angst ablegen kann, von ihm bewertet zu werden oder ihn durch meine Offenheit zu verletzen.

Nähe ist, wenn ich mich vor einem Menschen enthüllen kann, auch wenn ich mich suchend, orientierungslos, hoffnungslos oder verletzbar fühle.

Nähe ist, wenn ich von meinem Partner nicht befürchten muss, dass er sich durch mich in Frage gestellt fühlt oder sich für meinen Zustand verantwortlich fühlt.

Nähe ist, wenn wir uns gegenseitig das Recht erteilen, vom Anderen gehört zu werden, auch dann – und besonders dann- wenn wir nicht übereinstimmen.

Nähe ist, wenn ich vor jemandem meine Wünsche, Ängste, Phantasmen oder Utopien formulieren kann, ohne dass er sich genötigt fühlt, sie gutzuheißen oder gar zu erfüllen.

Nähe ist, wenn ich mich von Herzen bemühe, den Anderen wertzuschätzen, ohne ihn dadurch manipulieren zu wollen.

Nur die Person, die uns nahe ist, hat die Macht uns zu zermürben, zu ersticken oder gar zu töten, indem sie unsere tiefsten Ängste schürt…

aber sie ist auch die einzige, die uns helfen kann, Zugang zu unseren verborgensten Kräfte zu finden.

 

Wegweiser
auf dem Weg zur Nähe

Wer mehr Nähe will, muss es aufgeben, den Partner ändern zu wollen

  1. Es leiden mehr Paare an zuviel Nähe, als an zuviel Distanz.
  2. Die Bedürfnisse nach Nähe und Distanz sind variable Größen, die individuell verschieden sind und dennoch in ständiger gegenseitiger Abhängigkeit stehen.
  3. Es gibt keine „Techniken“ durch die man Nähe automatisch herstellen könnte. Alles was nicht authentisch ist, ist unwirksam oder schädlich.
  4. Nähe zu schaffen wird dadurch erschwert, dass wir meistens spontan das tun, was falsch ist: Sich-Zurückziehen oder Drängen.
  5. Zur Herstellung und Pflege wohltuender Nähe muss man fähig sein, auch in Zeiten emotionaler Spannung mit dem Partner verbunden zu bleiben.
  6. Paradoxerweise erhöhen sich die Chancen für Nähe, wenn man seine Hauptaufmerksamkeit auf etwas anderes, als die Beziehung, lenkt.
  7. Nähe ist , wenn man seine wahren Gefühle ausdrücken kann, ohne Angst, dass der Andere meine Offenheit missbrauchen wird.
  8. Nähe ist, wenn jeder die Einzigartigkeit des Anderen zutiefst akzeptiert und sich wünscht, dass diese sich noch weiter entwickeln wird.
  9. Konflikte um Distanz und Nähe sind stark beeinflusst vom erlernten Umgang damit in unserer Herkunftsfamilie.
  10. Zur Lösung unserer Nähe-und-Distanz-Probleme müssen wir unsere unbewusstübernommenen Denk-und Verhaltensmuster identifizieren und entmythologisieren.

 

Auf der Suche
nach Nähe- und Distanzmustern in der Herkunftsfamilie

Schrank aus dem späten 18.Jahrhundert

Vorsicht! Dieser Schrank, aus dem späten 18. Jahrhundert, steht hier symbolhaft für die Geschichte und die Familienkultur Ihrer Herkunftsfamilie über mehrere Generationen. Wollen Sie ihn wirklich öffnen?

Schauen Sie ihn am besten eine Weile an, bevor sie sich entscheiden. Wenn Sie sich wohlfühlen, können Sie ihn auch ruhig zulassen. Ansonsten lohnt es sich vielleicht, was das Erbstück so alles enthält…

 

Bei einigen Fragen wird der Bezug zur Begünstigung oder Verhinderung von Nähe und Distanz erst bei näherer Überlegung offenkundig.

1. Habe ich Kontakt mit meiner Herkunftsfamilie?

2. Ist dieser Kontakt problemlos?

3. Ist mein Kontakt zu einigen Angehörigen abgebrochen?

4. Ist der Kontakt zwischen engeren Familienmitgliedern abgebrochen?

5. Gibt es belastende Ereignisse, die meine Herkunftsfamilie besonders prägten? (Krieg, Vertreibung, Flucht, Konkurs, Scheidung, Schwere Krankheiten, früher Tod, Sucht, Depression, uneheliches Kind, usw.)

6. Wurde/wird über diese Ereignisse offen gesprochen?

7. Wie extrem reagieren/reagierten gewisse Familienmitglieder auf Themen, die damit verbunden sind?

8. Gibt es unaufgeklärte Familiengeheimnisse? (Todesursachen, 3. Reich, Liebesaffären, verhinderte Eheschließungen, Erbschaft, Adoption, Zweifel an Vaterschaft, Suizid, Missbrauch, Mord, usw.)

9. Welches Maß an Kommunikation war/ist in der Familie möglich?

10. Welche Rolle spielte die Religion?

11. Wie groß ist die Toleranz für unterschiedliche Lebensauffassungen, Glaubensrichtungen, Formen von Zusammenleben, usw.?

12. Welche Verhaltensmuster sind typisch für meine Herkunftsfamilie?

13. Sind diese Verhaltensmuster über mehrere Generationen feststelbar?

14. Wie viel körperliche und seelische Nähe wurde zwischen den einzelnen Familienmitgliedern toleriert?

15. Welche Parolen regulierten diesen Teil der Kommunikation?

16. Inwiefern und wofür wurden Anerkennung und Lob ausgesprochen?

17. Inwiefern war es erlaubt, Bestätigung und Lob zu fordern?

18. War es erlaubt, über sich stolz zu sein?

19. Wie war Rückzug in eigene Bereiche möglich?

20. Wie wurden eigene Bereiche von Eltern, Kindern und Geschwistern respektiert? (z. B. verschlossene Türen, Schränke, Telefongespräche, Tagebücher)

21. Wie war das Zugangsrecht der Kinder zum elterlichen Schlafzimmer geregelt?

22. Durften Einzelne „Geheimnisse“ haben?

23. Wie war die Paarbeziehung zwischen den Eltern? Wie haben sie Nähe und Distanz vorgelebt?

24. Wurde ein Kind als Kompensation für einen empfundenen Nähe- Mangel von einem Elternteil genützt?

25. Hat sich ein Elternteil in der Koalition mit einem Kind Schützenhilfe gegenüber dem Anderen geholt?

26. Gab es ein „Sorgenkind? Inwiefern hat dieses Kind zur Ablenkung von Lebens- oder Beziehungsproblemen der Eltern beigetragen?
 

Mini-Philosophie
der Nähe

Alle Nähe der Welt darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir Menschen grundsätzlich von einander getrennt sind.

Die Nähe hebt die existentielle Einsamkeit des Menschen nicht auf.

Nur wer diese Einsamkeit akzeptiert, kann wahre Nähe erfahren.

Die existentielle Einsamkeit ist das Fundament der Zweisamkeit und die Wurzel des Verlangens nach dem Anderen.

Weil wir getrennte Individuen sind, und nur so lange wir es bleiben, können wir entfaltende Nähe schaffen

Verliert der Mensch zu lange das Bewusstsein seines Getrenntseins, wird die Nähe zur Fusion und hebt sich selbst auf.

Zuviel und zu lang andauernde Nähe lässt das gegenseitige Verlangen der Partner nacheinander erschlaffen

Nähe verlangt Distanz, als virtueller Raum, in dem das Verlangen nach dem Anderen wachsen kann

Nähe bringt nicht nur Glücksgefühle. Sie legt auch unsere Verletzbarkeit, unsere Ängste und die dunklen Seiten unserer Seele offen.

Nähe schärft das Bewusstsein, dass wir auf unsere Geschlechtszugehörigkeit beschränkt sind.

Nur wer sich selbst nahe ist, ist im Stande mit einem anderen Nähe zu schaffen und zu erleben.

Ohne eigene Fülle, keine erfüllende Begegnung und sei sie noch so eng.