PIERRE ROTH – SYSTEMISCHE THERAPIE

Lesekabinett

Einladung

Lesekabinett von Pierre Roth

Willkommen im Lesekabinett! Am besten
machen Sie die Tür hinter sich zu und nehmen Platz in dem Sessel oder auf der Couch; dort wo es für sie am bequemsten ist! Hier können Sie sich entspannen. Nichts kann Sie daran hindern, sich ein wenig Zeit zu nehmen, ganz für sich da zu sein und sich für eine Weile einen Raum zu schaffen, wo Sie von niemandem gestört werden.

Stellen Sie sich nun vor, Sie stehen wieder auf und wählen sich aus den Bibliotheksregalen ein Buch aus über ein Thema, das Sie schon lange interessiert und in das Sie sich jetzt ein wenig vertiefen möchten … In dieser Bibliothek haben Sie die Wahl zwischen Psychologen, Philosophen, Theologen sowie älteren und neueren Klassikern der Weltliteratur.

Wo immer ich auch wohnte, habe ich das enge Zusammenleben dieser vier Gruppen gefördert. Ob ihre Vertreter von zu Hause aus geistesverwandt sind oder ein gespanntes Verhältnis zueinander haben, in meinen Regalen verhalten sie sich auf jeden Fall friedlich. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob sie sich nachts, wenn ich nicht da bin und nur das unentwegte Ticken der Wanduhr zu hören ist, nicht angeregt unterhalten. Da sie ja zeit ihres irdischen Lebens nicht unbedingt die Möglichkeit hatten ihre Ansichten und Absichten auszutauschen könnte es sein, dass sie es jetzt nachholen: auf französisch, auf deutsch – es sind auch ein paar Engländer dabei- zuweilen harmonisch, zuweilen strittig zum Beispiel über die Frage, wer wohl was als erster geschrieben hat? Sie haben ja nichts anderes zu tun.

Ihr Gespräch übersteigt allerdings nie ein gewisses Level an Erregung. Schon ihre Sitzordnung begünstigt eine emotionsgedämpfte Kommunikation: sie sitzen nämlich alle in parallelen Reihen und können nur reden indem sie vor sich hinschauen. Da die meisten von ihnen tot sind, ist es sowieso, nicht weit her mit ihrer körperlichen Energie. So haben sie, in weiser Achtsamkeit zu sich selbst, untereinander vereinbart, dass wenn einer von ihnen die Auseinandersetzung müde ist, er nur mit leiser Stimme sagen muss: „Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben!“ und er sich dann, von den Anderen in Ruhe gelassen, in sein Schweigen, wie in eine warme Decke bis zu seiner nächsten Regung verhüllen kann. So bleibt seine Stimme erhalten bleibt bis in alle Ewigkeit.

Sie sitzen also, liebe Besucherin, lieber Besucher, mit Ihrem Buch ungestört in edler Gesellschaft. Abgeschirmt vom Rest der Welt, können Sie in diesem Raum für eine Weile, bei einer Tasse Tee (tee-time is reading-time) in Ruhe lesen und sich immer mehr in Ihre Lektüre vertiefen…..

Nützen Sie die Gelegenheit und lassen Sie sich´s gut gehen. Auf dieser Homepage kann ich Ihnen jedoch nur kleine virtuelle Lektüren anbieten, zu einem Teil inspiriert von den realen Büchern, die sich im Lesekabinett befinden; das mir übrigens auch als Besprechungszimmer dient.

 

Inhalte

 

Was finden Sie im virtuellen Lesekabinett?

1. Zunächst stelle ich Ihnen unter der Rubrik „Ährenlese“ eine Gedanken-Sammlung zur Verfügung, die ich immer wieder erweitere oder kürze. Es handelt sich, einerseits um eigene Gedanken oder solche die ich mir im Laufe der Zeit zu eigen gemacht habe, aber auch Ideen, die ich aufgelesen habe, obwohl sie mich irritieren, aber deshalb zum Weiterdenken einladen.

2. Die zweite Abteilung meiner virtuellen Bibliothek besteht aus kurzen oder längeren Texten zu psychologischen, bzw. psychotherapeutischen Fragen, die ich zu verschiedenen Themen oder Anlässen verfasst habe.

Weit von mir die Illusion damit Wesentliches zur Geschichte der Psychotherapie beitragen zu wollen. „Tout est dit et l´on vient trop tard“ sagte Voltaire; was ihn nicht hinderte etwa 60 Werke verschiedenster Art, mit viel Psychologie darin, zu hinterlassen.

Betrachten Sie diese Schriftstücke am besten als Flaschenpost, die Sie irgendwo am Strand des Internet-Meeres aufheben, wieder hinlegen oder von vornerein sorgsam liegen lassen können. Vielleicht interessiert sich außer Ihnen sonst noch jemand dafür. Bekanntlich entsteht die Botschaft ja beim Empfänger…

Die Texte können auch als Vorbereitung oder Nachbereitung einer Therapie-Sitzung dienen.

 

Ährenlese

Wenn früher auf dem Lande die Bauern ihre Ernte eingefahren hatten, durften die ärmeren Leute über die Stoppelfelder gehen und die übrig gebliebenen Ähren zusammenlesen. Nach mehreren Stunden konnten sie daraus eine Garbe binden, die sie auf dem Kopf nach Hause trugen.

So habe ich Gedanken gesammelt auf den Feldern meiner Erinnerungen, meiner Notizen und meiner Phantasie und sie Ihnen hier zur Verfügung stelle.

 


Sieh das Licht und bewundere seine Schönheit!

Schließe die Augen und beobachte!

Was du gesehen hast ist nicht mehr.

Und was du sehen wirst ist noch nicht.

Leonardo da Vinci

Eltern

Tue täglich deinen Kindern etwas Gutes, lass sie in Frieden!

Man muss auch seine eigenen Kinder immer wieder erneut adoptieren.

Erwachsen ist, wer seinen Eltern vergeben kann, ohne sich selbst zu verleugnen.

Wenn ein Mensch seinen Eltern ihr Erziehungsverhalten verzeihen kann und akzeptieren, dass sie nicht mehr nachholen und oft nicht erkennen können, was sie versäumt haben, ist er frei.

Individualität

Die Menschen werden als Originale geboren und viele sterben als Kopien.

Jedes Kind und jeder Erwachsener

… darf sehen und hören, was er selbst sieht und hört, und nicht, was andere ihm
vorgeben zu sehen und zu hören

… darf aussprechen, was er denkt und fühlt, und nicht das, was andere von ihm
erwarten

… darf zu seinen Gefühlen stehen, und muss sie nicht unterdrücken oder vortäuschen

… darf Risiken eingehen, anstatt auf Wagnis zu verzichten

Quantum potes, tantum aude! = Was du kannst, sollst du wagen!

Kommunikation

Vielleicht besteht die Menschheit wirklich aus lauter Gefangenen, von denen jeder, einsam in einem Turm wohnt und versucht sich mit den Anderen über Klopfzeichen zu verständigen, welche für diese nicht die gleiche Bedeutung haben als für ihn?

Körper

Der Körper fängt an zu schreien, wenn die Seele mundtot gemacht wird.

Leiden

Das beteuerte Leiden am Leiden des Anderen ist nicht zwangsweise der Gradmesser meiner
Liebe zu ihm.

Es gibt viele Menschen, die ihren Kindern im Namen der Erziehung Leid zugefügt haben, das sie weder ihrem Hund noch ihrer Katze angetan hätten.

Wer sein Kind „liebt“, sperrt es erstaunlicherweise in die schwarze Besenkammer, wohlwissend, dass es das Schrecklichste ist, was er ihm antun kann. Und glaubt, er hat ihm alles Böse ausgetrieben, wenn es nicht mehr weint und sich nicht traut die Tür wieder zu öffnen, obwohl sie nicht verschlossen ist…

Die größten seelischen Wunden haben uns nicht böse fremde Menschen zugefügt, sondern, die, die uns am nächsten standen und uns deshalb am sensibelsten treffen konnten.

Was mache ich aus dem, was man aus mir gemacht hat?

Dort wo die Muschel verwundet ist, bildet sie eine Perle.

Lernen

Das Lernen lernen nur theoretisch unterrichten zu wollen ist dasselbe wie das Kochen lehren zu wollen ohne Zutaten.

Nähe und Distanz

Katze und Hund zeigen uns die zwei Polen von Distanz und Nähe. Die eine kommt, schmiegt sich an und surrt vor Genugtuung, löst sich dann wieder und schaut uns aus einiger Entfernung vielsagend an. Der andere kann von Nähe nicht genug bekommen.

Paare

Je mehr Unterschiede sich zwei Partner zugestehen, desto mehr Gemeinsamkeiten werden sie finden.

Jedes Feuer auch das der Liebe erzeugt Asche, die entsorgt werden muss.

Perfektion

L´homme n´est ni ange ni bête et le malheur veut que celui qui veut faire l´ange fait la bête (Pascal) = Der Mensch ist weder Engel noch Tier und es ist leider so, dass wer sich als Engel zeigen will, sich als Tier verhält.

…simul justus et peccator = … gleichzeitig Gerechter und Sünder

Psychotherapie

Ich möchte mich selbst im Spiegel deines Zuhörens besser sehen.

Man soll nie eine gute Frage gegen eine billige Antwort eintauschen.

Manchmal ist Umkehren die bessere Fortsetzung des Weges.

Der Therapeut sitzt nicht im Boot mit dem Klienten, er begleitet ihn aufmerksam und
zugewandt vom Ufer aus.

Ein guter Therapeut sollte wissen für welche Patienten er ein „guter“
Therapeut sein kann und für welche nicht.

Die Systemische Therapie ist die von anderen Therapieschulen am meist beklaute Theorie.

Reden und Schweigen

Es sind mehr Leute krank geworden vom Schweigen als vom Reden.

Manche besitzen meisterhaft die Kunst, mit hundert Worten zu verschweigen, was sie mit einem einzigen Wort sagen könnten.

Wenn ich nicht reden will, habe ich oft so viel zu sagen, dass ich kein einziges Wort herausbringe.

Schuld

Viele meiner Klienten wären nie gekommen, wenn sie einmal in ihrem Leben von ihrer Mutter oder ihrem Vater gehört hätten: „Kind, das hast du gut gemacht!“, ohne Wenn und Aber.

Es gibt ein weltweiter Komplott, dessen Parole lautet: Entlasse dein Kind nie ganz aus seinem Schuldgefühl, es wird sein Leben lang auch von dir nicht lassen. Und du ersparst dir selbst den Schmerz des Loslassens.

Ein gesundes Schuldgefühl schadet nichts, vorausgesetzt man wird es bald wieder los.

Spiritualität

Ein Glauben ohne Zweifel ist der Beweis, dass man nur sich selbst gefunden hat.

Es gibt im Neuen Testament kein einziges Gespräch zwischen Jesus und einem einzelnen Menschen, das er nicht authentisch, mit Einfühlung und bedingungslosem Wohlwollen geführt hätte. Ein tolles Modell für Therapie!

Stress

Wirklich er war unentbehrlich!
Überall, wo was geschah
Zu dem Wohle der Gemeinde,
Er war tätig, er war da.
Schützenfest, Kasinobälle,
Pferderennen, Preisgericht,
Liedertafel, Spitzenprobe
Ohne ihn da ging es nicht.
Ohne ihn war nichts zu machen,
Keine Stunde hatt´ er frei
Gestern, als sie ihn begruben,
War er richtig auch dabei

(Wilhelm Busch)

Theorie und Praxis

Im Handeln nur lernt man die Kunst, erlangt man Tact, Fertigkeit, Gewandtheit und Geschicklichkeit aber selbst im Handeln lernt die Kunst nur der, welcher vorher im Denken die Wissenschaft gelernt, sie sich zu eigen gemacht hat, sie sich durch sie gestimmt und die künftigen Eindrücke, welche die Erfahrung auf ihn machen solle, vorbestimmt hat. (Herbart)

Nichts ist besser für die Praxis als eine gute Theorie

Veränderung

Wenn für die Schlange die Zeit der Häutung gekommen ist, sucht Sie sich zwei eng beieinander liegenden Steine, zwängt sich mühsam zwischen ihnen durch und streift ihre alte Haut ab.

Widerstand

Wenn die Klügeren immer nachgeben, herrschen irgendwann mal die Dummen.

Wirklichkeit

Quidquid recipitur ad modum recipientis = Alles was empfangen wird, wird auf Art und Weise des Empfangenden aufgenommen.

Ein Buch hat immer zwei Autoren: den, der es geschrieben hat und den, der es liest.

Ein Stein ist mehr als ein Stein.